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KGM2022-4 Gemeindebrief
2022-4 Gemeindebrief

Angedacht

„Miteinander - nicht übereinander reden.“

Liebe Leserinnen und Leser!

derzeit sind die Oberammergauer Passionsspiele wieder in vollem Gange - Corona-bedingt um zwei Jahre verschoben! Bei der eindrucksvollen Premiere im Mai waren wir zu Gast mit unserem Arbeitskreis für das christlich-jüdische Gespräch, ImDialog.

Das Spiel der besonderen Art geht zurück auf ein Gelübde aus dem Jahr 1633. Die Pest wütete in der ganzen Gegend. Die Leute nahmen Zuflucht im Gebet und gelobten: „Wenn das Sterben aufhört, spielen wir alle zehn Jahre das ‚Spiel von Leiden, Sterben und Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus‘“. Tatsächlich ist von diesem Tag an niemand mehr in Oberammergau an der Pest gestorben. In diesem Jahr findet das Spiel zum 42. Mal statt und bis Oktober sind über 100 Vorstellungen geplant!

Dass die Passionsspiele kein antiquiertes Auslaufmodell sind, ist nicht zuletzt dem innovationsfreudigen Spielleiter Christian Stückl zu verdanken. Seitdem er als 27-Jähriger 1990 erstmalig ins Amt gewählt wurde, hat sich vieles verändert. Wo früher die Rollen über Generationen in den alteingesessenen Oberammergauer Familien „vererbt“ wurden, findet heute ein „Casting“ unter den Laienschauspieler*innen statt. Noch nie war das Ensemble so jung und divers wie in diesem Festspieljahr! Es herrscht auch keineswegs ein Mangel an interessierten Spieler*innen, obwohl überhaupt nur mitspielen darf, wer in Oberammergau geboren wurde oder mindestens seit 20 Jahren dort wohnt.

Unfassbar, dass von den nicht einmal 6000 Einwohner*innen – und damit ist der Ort sogar etwas kleiner als Bickenbach - über 2000 auf der Bühne stehen!

Weil so viele von ihrem Recht mitzuspielen Gebrauch machen, schreibt Stückl regelmäßig Szenen hinzu, um alle unterzubringen!

Wo früher nur katholische Menschen auf der Bühne standen, stehen heute neben Evangelischen auch Muslime und solche, die keiner Kirche mehr angehören. Mir gefällt besonders gut, dass die Spiele inzwischen auch zur Integration von Flüchtlingsfamilien beitragen, weil grundsätzlich alle Kinder bis 18 Jahre mitspielen dürfen. Und wer als Kind dabei war, hat sich auch das Recht erworben, als Erwachsene wieder mitzuspielen.

In Oberammergau reden übrigens alle mit - bei „der Passion“ – sei es bei Abstimmungsprozessen, z.B. der Wahl des Spielleiters, oder am Stammtisch über die Tiere auf der Bühne. Über alles wird diskutiert und gestritten, weil eben auch fast alle im Ort irgendwie schon immer involviert sind.

Christian Stückl ist es auch zu verdanken, dass nach und nach die antijüdischen Passagen aus dem Textbuch entfernt wurden. Jesus und seine Anhängerschaft sind durch Kippa eindeutig als jüdische Menschen erkennbar. Während der inzwischen obligatorischen Israelreise lernten die Hauptdarsteller*innen im Vorfeld nicht nur jüdisches Leben und jüdische Kultur kennen, sondern sie haben sich auch mit dem Bibeltext am ‚Ort des Geschehens‘ persönlich intensiv auseinandergesetzt.

Ich grüße Sie herzlich und wünsche Ihnen eine gesegnete Sommerzeit, 

Pfarrerin Andrea Thiemann

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