Menu
Menü
X
ATh2021-6 Gemeindebrief
2021-6 Gemeindebrief

Angedacht

„Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“

Lukas 2,12

Liebe Leserinnen und Leser,

Dank des Bickenbacher Künstlers Ernst Spangenberg, hatten wir im letzten Jahr zur Adventszeit einen echten „Hingucker“ unterm Tannenbaum auf dem Kirchvorplatz. Im besten Sinne abstrakt hat er das Krippenensemble nicht auf eine die Realität imitierende Weise nachgebildet. Ganz im Gegenteil! Unter Verwendung von Naturmaterialien ließ der Künstler in Farben und Formen seiner Phantasie freien Lauf.

Die Interpretation der dargestellten Krippenfiguren überantwortet er großzügig den Betrachter*innen.

Vor der Krippe entspannen sich durchaus kontroverse Diskussionen. Interessiert wurde beratschlagt, was denn nun in welchem Objekt eigentlich zu erkennen sei. Ich habe beispielsweise gehört, wie eine Großmutter ihrem Enkelkind erklärte, dass das Jesuskind fehle. Zugegeben, es war ja auch noch nicht Weihnachten!

Kunst entsteht bekanntlich im Auge des/der Betrachtenden. Mit dieser Aussage bestärken wir das Selbstbewusstsein der Konfirmand*innen beim alljährlichen Besuch im Städel Museum. Auch sie fremdeln anfangs bei der Interpretation moderner oder abstrakter Bilder. Später sind sie oft selbst überrascht von den aufschlussreichen Interpretationen und gewagten Rückschlüssen, die sich im Gespräch miteinander ergeben!

Je nach Abweichung von üblichen Sehgewohnheiten, fühlen wir uns von einem Gemälde oder einer skulpturalen Plastik angesprochen oder so-gar herausgefordert. Die Frage, ob das Kunstwerk im engeren Sinne gefällt, kommt erst viel später. Zuerst aber sind wir genötigt, die Welt, im vorliegenden Fall die Darstellung biblischer Geschichte, mit anderen Augen zu sehen!

Vielen mögen die alljährlich wiederkehrenden Rituale der Advents- und Weihnachtszeit auf die Nerven gehen. Immer mehr Menschen haben keinen Bezug mehr zur Kirche und keine emotionale Bindung zur Geburt Jesu Christi. Zu abstrakt, zu weit entfernt ist die Vorstellung, dass Gott in seinem Sohn Mensch wurde, um der Menschheit Frieden und Versöhnung zu bringen.

Nun sind wir seit immer noch 2000 Jahren in der Tat von Frieden und Versöhnung weit entfernt. Gelernt haben wir viel, z.B. wie Kindern und Enkeln die Lebensgrundlagen entzogen werden. Aber gelernt haben wir nicht, uns miteinander über das Lebensnotwendige für alle Menschen zu verständigen. Ich glaube, es ist unabdingbar, dass wir von unserer eigenen Lebenssituation zu abstrahieren lernen. Niemand lebt nur für sich. Wir alle sind Teil eines großen Ganzen. Mit allem, was wir tun und denken, beeinflussen wir den Lauf und die Erhaltung dieser Welt.

Das Weihnachtsfest mit anderen Augen zu sehen kann bedeuten, unter Festbraten und Lametta neu zu entdecken, um was es eigentlich geht:

Die Bewahrung der Schöpfung „und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. Ehre sei Gott in der Höhe!“ (Lk 2,14).

Eine hoffnungsfrohe Advents- und Weihnachtszeit und ein gesegnetes Neues Jahr 2022 wünscht Ihnen

Pfarrerin Andrea Thiemann

top